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Kurztagung "Hello, I'm ELIZA." – Zum 50. Geburtstag eines Chatbots

Als Joseph Weizenbaum sein zwischen 1964 und 1966 am KI-Labor des MIT entwickeltes Programm "ELIZA" vorstellte, hatte er eigentlich genau das Gegenteil von dem im Sinn, was daraufhin geschah: "ELIZA" sollte zeigen, dass künstliche Intelligenz allenfalls eine Parodie menschlicher Intelligenz sein kann und schlimmstenfalls in einen Zynismus mündet, der menschliche Kommunikationspartner durch oberflächlich agierende Chatsysteme ersetzt. Seine künstliche Psychotherapeutin "ELIZA DOCTOR" wurde dann jedoch ernsthaft in der Therapie eingesetzt und so kam ein Stein ins Rollen, der das Programm bis heute zu einem wichtigen Markstein der KI-Forschung macht. "ELIZA" wurde modifiziert, in zahlreiche andere Programmiersprachen übersetzt und zum Gegenstand von medienkritischen Diskursen, Kunstprojekten und Programmierlern-Workshops. Auf unserer Kurztagung wollen wir die Geschichte des Programms, seine Codes, Protagonisten und den technik- und zeithistorischen Kontext noch einmal Revue passieren lassen und haben dazu sowohl Zeitzeugen und Freunde Joseph Weizenbaums eingeladen als auch Forscher, die sich der Computergeschichte, der Beziehung zwischen Philosophie und künstlicher Intelligenz widmen und Künstler, die zeigen, wohin sich "ELIZA" heute entwickelt hat.

Zeit: Sonntag, 2. Oktober 2016, 10:00 - 19:00 Uhr
Ort: Raum 0.01 (Medientheater)

Programm

Sonntag, 2. Oktober
UhrzeitVorträge im Medientheater
10:15 - 10:30Begrüßung
Prof. Dr. Wolfgang Ernst
10:30 - 11:30Natürliche und künstliche Intelligenz. Die Zukunft der Technikgestaltung
Prof. Dr. Klaus Mainzer
11:30 - 12:30Sprachspiele|Stimmsynthesen. Zur Medienarchäologie be-stimmter Maschinen und ihrer Bedienung
Christoph Borbach, M.A.
12:30 - 14:00Mittagspause
14:00 - 15:00SLIP – eine Sprache zwischen den Stühlen
Jörg Kantel, M.A.
15:00 - 16:00ELIZA und BASIC. Urszenen des Homecompings
Dr. Stefan Höltgen
16:00 - 16:15Kaffeepause
16:15 - 17:15Tell me your problem! Wer hat hier ein Problem?
Prof. Dr. Wolfgang Coy
17:15 - 18:15Personal Recollections on Joseph Weizenbaum and ELIZA
Naomi Weizenbaum
18:15 - 18:30Umbaupause
18:30 - 19:00Media Artistic Performance
Ioana Jucan und Florian Leitner

Natürliche und künstliche Intelligenz. Die Zukunft der Technikgestaltung

Künstliche Intelligenz beherrscht längst unser Leben. Smartphones, die mit uns sprechen, Armbanduhren, die unsere Gesundheitsdaten aufzeichnen, Arbeitsabläufe, die sich automatisch organisieren, Autos, Flugzeuge und Drohnen, die sich selber steuern, Verkehrs- und Energiesysteme mit autonomer Logistik oder Roboter, die ferne Planeten erkunden, sind technische Beispiele einer vernetzten Welt intelligenter Systeme. Sie zeigen uns, dass unser Alltag bereits von KI-Funktionen bestimmt ist. Demgegenüber sind biologische Organismen Beispiele natürlicher Intelligenz, die in der Evolution entstanden und mehr oder weniger selbstständig Probleme effizient lösen können. Gelegentlich ist die Natur Vorbild für technische Entwicklungen. Häufig finden Informatik und Ingenieurwissenschaften jedoch Lösungen, die anders und dennoch besser und effizienter sind als in der Natur. Seit ihrer Entstehung ist die KI-Forschung mit großen Visionen über die Zukunft der Menschheit verbunden. Wie werden sich natürliche und künstliche Intelligenz in Zukunft entwickeln? Dieser Vortrag ist ein Plädoyer für Technikgestaltung: KI muss sich als Dienstleistung in der Gesellschaft bewähren. Prof. Dr. Klaus Mainzer


Sprachspiele|Stimmsynthesen. Zur Medienarchäologie be-stimmter Maschinen und ihrer Bedienung

Der Begriff der Sprachsynthese, der die künstliche Erzeugung menschlicher Sprache benennt, ist irreführend und müsste vielmehr Sprechsynthese lauten. Denn Sprechen ist nicht gleichbedeutend mit Sprache und umgekehrt, Sprache nicht mit Sprechen. Der Begriff der Sprachsynthese referiert somit in genauer Lesung auf ein stummes Sprechen, insofern er den Begriff der auditiven Dimension der Sprache – die Stimme in ihrer Materialität nach eigenem Recht – verschweigt. Sprachsynthese ist somit beispielsweise ELIZA, Sprechsynthese hingegen das tatsächliche Verlauten synthetischer Stimmen. Eben jene Differenz von gesprochener Sprache und Stimme wurde von den prominenten Sprachtheorien bisher vernachlässigt. So beschäftigte sich Derrida in Widerspruch zu de Saussure und sämtlichen binären Opposition von Schrift und Sprache seit Platon mit dem Nachweis, dass gesprochene Sprache genauso dem System der Zeichen angehörig ist, statt der geschriebenen Schrift metaphysisch vorgelagert zu sein. Dennoch bezog er sich hierbei auf gesprochene Sprache in semantischen Kategorien, nicht auf ihre materielle, physikalische Grundlage: die menschliche Stimme. Ausgehend hiervon wird der Vortrag auf die Materialität der Stimme insistieren, womit gleichzeitig ihre prinzipielle Imitation durch technische Medien denkbar wird. In medienarchäologischer Perspektivierung wird der Vortrag Situationen der Sprechsynthese anhand konkreter sprechender Maschinen hinsichtlich ihrer Bedienung untersuchen. Hierbei liegt der Fokus nicht auf den technotraumatischen Affekten künstlicher Stimmen, die am Konzept des Sprechens als anthropologischer Konstante rütteln, sondern auf der Instrumentenlastigkeit des buchstäblichen Spiels mit der Sprache. So zeigt sich eine alternative Geschichte der Tastatur, die keinesfalls im Stummen des Symbolischen, sondern in der Alphabetisierung des Realen beheimatet ist. Christoph Borbach, M.A.


SLIP – eine Sprache zwischen den Stühlen

Das Programm ELIZA wurde 1966 von Joseph Weizenbaum in der Sprache SLIP geschrieben (genauer in MAD SLIP für eine IBM 7094), einer Sprache, die er selber in den frühen 1960er-Jahren noch während seiner Zeit bei der General Electric Corporation entwickelt und implementiert hatte. SLIP kann man guten Gewissens zu den domänenspezifischen Sprachen (DSL) rechnen, auch wenn die Sprache mit Sicherheit Turing-vollständig ist, was aber zum Teil auch an den zugrundeliegenden Wirtssprachen liegt. SLIP wurde von Weizenbaum ursprünglich in FORTRAN IV implementiert, die Implementierung am MIT nutzte als Wirtssprache MAD, später kam noch eine Variante mit ALGOL als Wirtssprache hinzu. SLIP steht für Symmetric LIist Processor und war ursprünglich für die symbolische Manipulation algebraischer Ausdrücke entwickelt worden. Auch wenn der Name des Programms wie ein gewolltes Anagramm zu LISP wirkt, hat es doch weniger mit LISP denn mit einer Verbesserung von FORTRAN zu tun. SLIP kann eher als Nachfolger für IPL-V verstanden werden, der Sprache, die Mitte der 1950er- bis Mitte der 1960er-Jahre ein Quasi-Standard in der KI-Forschung war und beeinflußte im Folgenden eher die Entwicklung von ALGOL und MAD als die Entwicklung von LISP. Ich möchte in meinem Vortrag einmal auf die Struktur und die Besonderheiten von SLIP eingehen, die Einflüsse anderer Sprachen aufzeigen und zum anderen untersuchen, warum Weizenbaum überhaupt eine DSL wie SLIP nutzte und dabei auch auf ähnliche Entwicklungen eingehen, die damals ebenfalls am MIT entstanden waren. Jörg Kantel, M.A.


ELIZA und BASIC. Urszenen des Homecompings

Die Triade Computer, Kinder und künstliche Intelligenz bildete zu Beginn der 1980er-Jahre zugleich das Traum- und Alptraum-Szenario in vielen Privathaushalten. War die spielerische Beschäftigung des eigenen Nachwuchses mit Computern für viele Eltern ohnehin bereits ein suspekter medienkulturkritischer Reflex, so wurde diese Angst vor den Computern noch geschürt, als das Thema künstliche Intelligenz in den breiten Diskurs geriet und feuilletonistisch Szenarien generierte, die von der "Ohnmacht der Vernunft" bis zur "Ersetzbarkeit des Menschen" reichten. Diesen Diskurs und seine populistische Verbreit(er)ung hatte ein Programm ganz maßgeblich getriggert und gefördert: ELIZA. Joseph Weizenbaums ELIZA kam zur selben Zeit "an die Öffentlichkeit" wie der Homecomputer – und zwar als BASIC-Listing zum Abtippen. Jugendliche Computerbesitzer und -benutzer konnten sich auf diese Weise einen Dialogpartner "schaffen", ihm ihre Probleme mitteilen, diesen lernen lassen und ihn so modifizieren, dass sie einige Geheimnisse der künstlichen Intelligenz als Softwarefunktion verstehen lernten. Der Vortrag stellt drei Versionen von ELIZA für den Homecomputer vor und versucht, daran die Funktion dieser KI den Prozessen der Selbstermächtigung, Computersprachlichkeit (im formalen wie natürlichen Sinne) und des BASIC-Hackings vorzustellen: Robert H. Ahls Version für den TRS-80 (1978), die ironisierte Version "ELIZA BOSS" für Amstrad CPC und eine lernfähige Variante für Ataris 8-Bit-Computer. Codenah sollen dabei die epistemologischen Effekte im Sinne der (Home-)Computerarchäologie auf operativen Computern veranschaulicht werden. Dr. Stefan Höltgen


Tell me your problem! Wer hat hier ein Problem?

Joseph Weizenbaums Doctor-Script trifft einen Kern der maschinellen Transformation menschlichen Denkens – viel tiefer, als es auf den ersten Blick aussieht. Die Überraschung, über einen Fernschreiberanschluss mit einem Großrechner "reden" zu können, war erst einmal ein Kunststück, dass öffentliches Aufsehen erregte und von einem verwirrten Psychiater für eine verwertbare (also "abrechenbare") medizinische Leistung mißverstanden wurde. Freilich hat sich dann schnell eine Avantgarde der KI-Forschung in aller Ernsthaftigkeit dieser Satire auf "natürlich"-sprachliche Kommunikation gewidmet. Das tun manche bis heute – meist mit Verweis auf die auch nicht ganz ironiefreien Vorgaben des Turing-Tests, wo ein stotternder Mathematiker die hochgradig formalisierte Sprechweise der britischen Upper Class als öffentliches Bild von "Intelligenz" beschrieb. Seitdem wird die Fähigkeit zur Lüge unter großer medialer Aufmerksamkeit als Kern sprachlicher Intelligenz entwickelt. Diese Ansätze verfolgen, wohl überwiegend unbewusst, das Ideal eines sprachmächtigen Psychopathen als programmierte Singularität. Und das ist unser Problem. Prof. Dr. Wolfgang Coy


Personal Recollections on Joseph Weizenbaum and ELIZA

Naomi Weizenbaum


Media Artistic Performance

Ioana Jucan und Florian Leitner